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Warum gegen Studiengebühren demonstrieren?

Erwartungsgemäß hat das Bundesverfassungsgericht das vom Bund verhängte Verbot von Studiengebühren aufgehoben. Und schon kriechen Studentenvertretungen aus ihren Löchern und rufen zu Demonstrationen gegen die Erhebung von Gebühren auf. “Bildung ist keine Ware” heißt es da, oder “Bildung ist Luxus: Luxus für alle”. Studenten sind verständlicherweise verunsichert. Doch zum jetzigen Zeitpunkt die Gebühren an sich in dieser Form in Frage zu stellen, halte ich für falsch. Denn die Gebühren werden erhoben.

Es wird Zeit, den Tatsachen ins Auge zu blicken und die Gebühren als das zu sehen, was sie sind: Eine Chance für bessere Studienbedingungen. Immerhin hätten Universitäten wie die Potsdamer Mehreinnahmen von etwa 15 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. Und es ist nach wie vor ungerecht, Eltern für den Kita-Platz in Ländern wie Berlin bis zu 5500 Euro pro Jahr in Rechnung zu stellen, während das wesentlich teurere Studium kostenfrei bleibt.

Die protestierenden Studenten täten besser daran, sich mit konstruktiver Kritik einzubringen. Langsam sollte ihnen nämlich klar sein, dass die Gebühren ihnen nützen können. Statt die Gebühren wegen mangelnder Sozialverträglichkeit abzulehnen, sollten sie Vorschläge unterbreiten, wie dieser Mangel beseitigt werden kann. Ansonsten laufen die Akademiker Gefahr, dass an ihnen vorbeidebattiert wird—was bereits jetzt leider der Fall ist! Als finanziell Betroffene kennen sie die Bedürfnisse und Gefahren am besten. Mit Sprüchen wie “Scheiß Uni. Scheiß Mensa. Scheiß Staat!” (gesehen in der Potsdamer Mensa) kommt man hier wahrlich nicht weiter.

Der Aufbau eines funktionierenden Stipendienwesens, Übergangsregelungen sowie Darlehenskonditionen sind Punkte, bei denen die Studenten jetzt vielleicht noch in der Lage sind, gute Bedingungen herauszuschlagen und Druck auszuüben. In ein oder zwei Jahren mag es dafür zu spät sein.

Aber auch die Wirtschaft sollte ihre Haltung überdenken und Äußerungen, in denen Gebühren von 2500 Euro im Semester für “realistisch” gehalten werden, tunlichst vermeiden. Amerikanische Verhältnisse will hier sicherlich niemand so schnell. Zumal das Bundesverfassungsgericht einen Richtwert in das Urteil mit aufgenommen und die Höhe der Gebühren mehr oder weniger genau darauf festgelegt hat.

Bund und Länder sollten gemeinsam ein klares Konzept vorlegen. Der Tatsache, dass Studenten sich wegen der Gebühren die Studienrichtung nach der Höhe des späteren Einkommens aussuchen, um eventuelle Kredite abbezahlen zu können, muss Rechnung getragen werden—beispielsweise dadurch, dass die Höhe der Gebühren in dieser Hinsicht angepasst wird.

Demonstrationen gegen Studiengebühren sind sicherlich wenig hilfreich. Alle Beteiligten, also Studenten, Politiker und die Wirtschaft müssen sich auf eine gemeinsame Basis einigen. Dann stehen die Chancen für bessere Studienbedingungen wirklich nicht schlecht.

(Dieser Artikel ist auch bei Politik-Poker erschienen.)

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  • SCHAPPY 7. Februar 2005, 16:07

    Ohne hier viel hin- und herzukopieren zu müssen, möchte ich an dieser Stelle auf http://www.grundprinzip.de/blog/single/59.html verweisen, da steht bereits meine Meinung – nicht bös’ sein. Nur kurz:

    1. Immerhin hätten Universitäten wie die Potsdamer Mehreinnahmen von etwa 15 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. Woher derartige Informationen?
    2. Anrecht auf Kita-Plätze ist derzeit ebenso fragwürdig, aber es juckt in diesem unseren ach so vom Volk gelenkten Staate niemand – es gab Zeiten, da war das anders. Nicht, dass ich derartige Zeiten zurückwünsche oder lange genug intensiv miterlebt habe, aber eines ist klar. Früher war alles besser… ähm die Motivation für seine eigenen Interessen auf die Straße zu gehen war deutlich größer. Ach ja, was machen doch gleich die Studenten :)

    Es ist also fraglich was hier der “richtige” Weg ist…

  • André Wendt 7. Februar 2005, 16:19

    Derartige Informationen kommen aus einer simplen Rechnung: 500 EUR Studiengebühren pro Semester bei 15000 Studenten an der UP macht halt 15 Millionen pro Jahr.

  • henning 7. Februar 2005, 23:23

    wen’s interessiert, hier meine meinung:

    1. studiengebuehren = bessere studienbedingungen? fraglich, denn selbst wenn die zu erhebenden gebuehren wirklich ausschliesslich den unis zugute kæmen – wer hælt die lænder davon ab, bei anderen zuschuessen zu kuerzen, um sich das geld wieder reinzuholen? damit wære das geld nur umverteilt, den studenten bræchte es garnichts.
    2. stipendiensystem, darlehen etc: oft gehørt, m.e. ein scheinargument. bayern will zum næchsten ws gebuehren einfuehren. wie soll bis dahin ein flæchendeckendes, ausfinanziertes stipendiensystem aufgebaut werden, das auch noch die versorgt, denen die gebuehren angeblich am meisten nutzen sollen, næmlich kinder aus “bildungsferenen” schichten?
    3. der “richtwert” von €500: ist ein generelles problem, auf das ich hier nur am rand eingehen møchte: warum hat das bverfg den ins urteil aufgenommen? wo kommt der her? wird damit nicht nur neuen klagen tuer und tor geøffnet, wenn die gebuehren – und davon ist auszugehen – diesen wert irgendwann kræftig uebersteigen?
    4. gemeinsames bund-lænder-konzept: seh ich æhnlich, ist aber realitætsfremd. wo siehst du denn einen møglichen kompromiss zwischen bayern, nrw und der bundesregierung?
    5. niedrigere gebuehren fuer exotische fæcher? unwahrscheinlich. wer sollte sich bereit finden, unwirtschaftliche fæcher wie archæologie oder vorderindische linguistik auch noch besonders zu førdern?
    6. mein fazit: die grøsste wirkung des urteils des bverfg ist sicherlich die unsicherheit. keiner weiss, wie lange er noch wo gebuehrenfrei studieren kann. keiner weiss, wem die gebuehren wirklich zugute kommen werden. keiner weiss, wie in kurzer zeit ein system aufgebaut werden soll, das die auffængt, die sich die gebuehren eben nicht leisten kønnen.

    dagegen auf die strasse zu gehen lohnt m.e. doch sehr.

  • André Wendt 7. Februar 2005, 23:30

    Wegen 6.: Aber das ist es doch gerade — da sich die Gebühren eher nicht mehr vermeiden lassen (Bsp. Bayern), warum dann noch demonstrieren statt Vorschläge auf den Tisch zu legen? Die Belange der Studenten auf dem Papier festhalten und zusammen Konzepte erarbeiten ist besser als die anderen machen zu lassen.

    Hinterher wird dann wieder gemeckert…

  • henning 7. Februar 2005, 23:58

    hatte ich eben vergessen: warum sollen die studenten jetzt die kastanien aus dem feuer holen? uns werden drei dinge versprochen: die gebuehren werden sozialvertræglich sein, sie werden den unis zugute kommen, und es wird ein system erarbeitet werden, das die gebuehren fuer alle finanzierbar macht.

    nehmen wir das beispiel bayern: dort sollen also noch dieses jahr gebiehren eingefuehrt werden. demnach ist also nicht genug zeit, ein auffangsystem aufzubauen (nebenbei: wie soll das eigentlich aussehen? baføg z.b. ist angelegenheit des bundes. soll das dann je nach land an die gebuehren angepasst werden?), wodurch die sozialvertræglichkeit schonmal wegfællt. und dass die unis wirklich selbst werden entscheiden kønnen, halt ich fuer ein geruecht. ergo: wære es im interesse der bayerischen staatsregierung, im sinne der studenten zu handeln, wuerde sie die einfuehrung verschieben. ich habe schon vor einem jahr gesagt, dass es nicht aufgabe der studenten sein kann, vorschlæge zu machen. dazu fehlen uns zeit, kompetenz und macht. dass demos nicht viel bringen, haben wir in berlin vor einem jahr gesehen – aber was haben wir sonst als verhandlungsbasis? wie sollen wir etwaige vorschlæge untermauern? was kønnen wir in die waagschale werfen? und wird es die lage irgendwie verbessern, wenn wir statt “nein!!” sagen “na gut, aber macht es bitte nicht ganz so schlimm?”

    und zum “zusammen konzepte erarbeiten”? wer soll da mit wem arbeiten? die studierendenschaft – lænderweit, bundesweit? klappt nicht wegen mangelnder koordinaition und repræsentation. die studierendenschaft mit den landesregierungen? klappt nicht, weil wir das urteil nun mal gegen uns haben.

    ich bleib dabei – das urteil ist falsch, weil es der unsicherheit tuer und tor øffnet. ob man jetzt noch erfolgreich dagegen vorgehen kann, steht auf einem anderen blatt.

  • André Wendt 8. Februar 2005, 00:18

    Es geht hier nicht um Kastanien im Feuer. Es geht darum, dass eine Gruppe von Menschen etwas tun möchte, was einer anderen Gruppe nicht gefällt. Und in dieser Sitation hat die andere Gruppe zwei Möglichkeiten:

    1. Ich mecker rum und trage nichts zur Besserung der Lage bei
    2. Ich überlege mir konstruktive Kritik

    Die zweite erscheint mir die sinnvollere. Studenten bevorzugen die erste.

    Und es geht hier nicht um Macht. Du kannst dich ja mal umhören, wie der Ruf von Studenten in der Gesellschaft ist: Meckern nur rum, studieren ewig auf unsere Kosten und wandern, wenn sie gut sind, ab ins Ausland.

    Die Fragen nach Modalitäten können beantwortet werden, wenn die Grundsätze formuliert sind. Und solange—ich betone das hier gern nochmal—Eltern für einen Kita-Platz bis zu 5500 EUR pro Jahr für ein bisschen Betreuung ausgeben, sehe ich nicht ein, warum Studiengebühren ach so schlimm sein sollen.

  • henning 8. Februar 2005, 00:46

    ok, dann werd ich mich also doch nochmal dem gern strapazierten kita-gebuehren-argument widmen: das klingt natuerlich auf den ersten blick ungerecht. aber deine argumentation kann man doch auch umdrehen, und dann wird es fuer alle besser: kita-gebuehren abschaffen! du willst mir doch nicht erzæhlen, dass du es begruesst, dass eltern “bis zu 5500 EUR pro jahr fuer ein bisschen betreeung ausgeben”? ausserdem kønnte man, wenn es kita- und studiengebuehren gibt, auch gleich noch das schulgeld wieder einfuehren. was macht denn das fuer nen sinn?

    zur frage “meckern oder konstruktiv kritisieren”? meckern ist nun mal einfacher, weil es dazu reicht, dass ein paar tausend auf die strasse gehen. konstruktive kritik ueben ist da schon schwerer. wer soll das machen? irgendeine abordnung der verfassten deutschen studierendenschaft? das klappt schon deshalb nicht, weil sich die berliner wohl kaum mit den bayern solidarisieren werden – der grundsatz “hauptsache, ich werd noch fertig” ist leider viel zu weit verbreitet.

    und zum bild der studenten in der gesellschaft: vielleicht ist das nicht die schuld der studenten, sondern das bild der gesellschaft ist ein falsches?

    “meckern nur rum”: da wir uns nicht anders wehren kønnen, sollen wir das alles widerstandslos ueber uns ergehen lassen?

    “studieren ewig auf unsere kosten” – geh mal an die HU und frag bei irgendwelchen geisteswissenschaftlern nach, warum sie ihr grundstudium nicht rechtzeitig ferit bekommen haben. da wird man dir sagen, dass ein sprachkurs mal eben nicht angeboten wurde bzw. voll war und sie in eiin oder zwei proseminare nicht reingekommen sind, weil es dreimal soviele interessenten wie plætze gab. ja, es gibt ihn, den faulen langzeitstudenten. es gibt aber auch solche, die zwischendurch gewechselt, sich interdisziplinær umgehesehen, sich hochschulpolitisch engagiert oder einfach ein, zwei pruefungen nicht bestanden haben. auch das gehørt m.e. zu einem gewinnbringenden studium (ok, das durchfallen vielleicht nicht grad). und wenn es kuenftig darum geht, møglichst schnell fertig zu werden, lass ich eben alles, was nicht direkt zu meinem studium gehørt, weg. glaubst du, dadurch wird die lage der studienrenden irgendwie verbessert?

    “gehen, wenn sie gut sind, ins ausland”: kein wunder. wenn ich anderswo bessere bedingungen vorfinde, gehe ich eben dahin, solange ich die gelegenheit dazu habe. dann sollte man sich mal gedanken drueber mache, wie ich die bedingungen in deutschland verbessern kann. dass gebuehren dafuer der richtige ansatz sind, bezweifle ich.

    und zuletzt: die beiden von dir vorgestellten møglichkeiten gibt es doch eigentlich garnicht, weil es letztlich eben doch keine frage der argumentation, sondern eine der macht ist. die entscheidung pro gebuehren ist rechtlich (erstmal) abgesichert, also wird sie auch politisch so ausfallen. ich bin gespannt, inwieweit konstruktive kritik da noch was bringen kann.

  • SCHAPPY 10. Februar 2005, 18:53

    Sarrazin gegen die Union. Klingt komisch, ist aber laut Berliner Zeitung der Fall. Nachdem ich überraschenderweise heute eine Hardware-Berliner-Zeitung im Briefkasten mal wieder fand (obwohl keine abboniert, denn die Zeitungsausträger sind bei uns früh morgens nicht immer ganz fit), sieht es wie folgt aus. Den schwarzen Peter bekommt nun, wer hätte es anders gedacht, die Union. Die oberrote Regierung Berlins i.V. durch Dr. Thilo Sarrazin schiebt als Grund für Studiengebühren die Union vor, die es ja offensichtlich als getane Sache ansieht, dass sie Studiengebühren in ihren Ländern einführt (ich könnte den letzten Teil auch freundlicher formulieren – mache ich aber nicht). Eigentlich ist der Dr. Sarrazin der gut, so meint er selbst. Er bekäme schließlich einen großen Batzen Geld, für all die bundeslandfremden Studenten, die Berlin okkupieren, nur um günstig zu lernen, in überfüllten Hörsälen mit geringem Angebot an Lehrveranstaltungen. Es sind immerhin knapp die Hälfte aller Studierenden, also schicken wir diese doch am besten zurück in die Bundesländer, denen sie entsprungen sind.

    Außerdem ist Sarrazin auch noch der Meinung (was ich schon in früheren Beiträgen erwähnte), dass nicht die kompletten Beiträge den Universitäten zu Gute kommen werden. Denn es sei mehr als gerechtfertigt, wenn etwa die Hälfte dem Senat zugingen – komisch, dabei heißt es doch Studiengebühr.

  • Andre´Hothas 12. Februar 2005, 20:15

    Es steht doch die Frage: Warum Studiengebühren erst jetzt erhoben werden sollen und nicht schon all die Jahrzehnte vorher ? Die Antwort liegt auf der Hand: Noch nie war dieser Staat so pleite, wie heute. Man muß es sich auf der Zunge zergehen lassen: Deutschland ist nach wie vor ein reiches Land ! Trotzdem kann es sich kostenlose Bildung nicht mehr leisten, weil allein über 70 Mrd. Euro ZINSEN (Stand 2004) an private Gläubiger gezahlt werden müssen.

    Das heißt: Seit Jahrzehnten wird dieses Land von finanzpolitischen Dilettanten regiert, umgeben von sogenannten “Experten” und “Wirtschaftsweisen” und es ist noch nicht einmal auszuschließen, daß diese eklatante Fehlentwicklung nicht auch das Ergebnis diverser Abhängigkeiten ist, mit anderen Worten, auf Korruption beruht.

    http://www.sonnenseite.com/fp/archiv/Art-Interviews/4881.php

    Es geht also weiterhin darum, daß die Allgemeinheit, speziell die ohnehin finanziell schlechter Gestellten, die politischen Fehlentscheidungen der Vergangenheit ausbaden sollen, natürlich immer “sozialverträglich”, immer schön in Trippelschritten, damit sich die Aufregung in Grenzen hält. Es geht überhaupt nicht darum am System, das diese Fehler hervorgebracht hat irgend etwas zu ändern ! Nein, man möchte es nur “anpassen”, damit es für eine immer reicher werdende Oberschicht sowie deren politischen Versaillen noch recht lange so weitergehen kann.

    Obgleich es neuerdings, man möchte es kaum glauben , eine Alternative zu derart verkrusteten Parteistrukturen gibt !

    http://www.wahlalternative-asg.de/

    Vor diesem Hintergrund gerät die Debatte um Studiengebühren wie ich glaube, in ein anderes Licht !

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