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Traumkunde Öffentlicher Dienst

In letzter Zeit häufen sich die Skandale um Softwareprojekte, in denen die öffentliche Hand Geldgeber ist: Autobahn-Maut, Biometrie-Pässe, Polizei- und Finanzsoftware, und jetzt die Berliner Landesverwaltung. In den Bürgerämtern der Stadt verlängern sich die Wartezeiten auf mehr als das Doppelte, weil neue Software eingeführt wurde.

Ursache dafür ist bestimmt nicht — wie oft angenommen — mangelnde Technik-Kompetenz der Angestellten, sondern eher die mangelnde Einbeziehung von ihnen in den Entwicklungsprozess der Software, fehlende oder zu späte Tests, und ungenügende Spezifikation.

Gerade mit Angestellten, die Berührungsängste mit dem Computer haben, müssen Probleme mit der alten Software zusammen ausfindig gemacht und auch gemeinsam gelöst werden. Die Entwicklung von Prototypen bietet sich hier an, um möglichst früh testen und damit weitere Probleme erkennen zu können — und auch diese aus dem Weg zu räumen. Dafür würden schon 20 Mitarbeiter aus dem Raum Berlin reichen. Das Wichtige ist die Tatsache, dass Benutzer mit einbezogen werden und auch das Gefühl haben, dass ihre Ansichten respektiert werden und Einfluss auf das Endprodukt haben.

Darüber hinaus muss die Software vernünftig spezifiziert werden. Dazu gehört zum Beispiel der wichtige Punkt “Produktleistungen”, der Aussagen über Zeit und Genauigkeit der Software machen sollte. Offensichtlich ist es inakzeptabel, das Vorgänge in der neuen Produktversion mehr als doppelt so lange brauchen wie in der alten. Die Lösung ist in der Theorie einfach: Der Auftraggeber muss alle existierenden Vorgänge aufzählen, und die Spezifikation sollte z.B. garantieren, dass “90% aller Vorgänge schneller erledigt sind als vorher, und der Rest sich nicht um mehr als ein Zehntel verlängert”. (Ideal wäre hier natürlich, alle Vorgänge würden schneller erledigt, aber manchmal hat Effizienz und Benutzerfreundlichkeit nichts mit Geschwindigkeit zu tun.)

Zu guter Letzt sollte der Auftraggeber das fertige Produkt gegen alle Punkte der Spezifikation prüfen. Dabei sollte es nur hopp oder top geben: Wird auch nur ein einziger Verstoß gegen die Spezifikation festgestellt, ist das Produkt nicht abzunehmen und eine Verbesserung in angemessener Frist zu fordern. Passiert das außerhalb des vorher festgelegten Zeitrahmens, sind saftige Vertragsstrafen angesagt. Nur so kann sichergestellt werden, dass utopische Versprechen für Zeitplan oder zu erbringende Leistungen seitens der Wirtschaft und die entsprechende Enttäuschung zum geplanten Projektende der Vergangenheit angehören.

Dabei ist es besonders wichtig, dass die Rollen-Zuordnung von Auftraggeber und Auftragnehmer eingehalten werden. Klingt trivial, ist es aber anscheinend nicht: Wenn der Pressesprecher der Senatsverwaltung für Inneres, Herr Martin Steltner, die mangelhafte Leistung des schweineteuren Produktes verteidigt, obwohl alle mit der Software arbeitenden Angestellten von einer Katastrophe sprechen, ist etwas gründlich schiefgelaufen (vielleicht auch mit dem Geldfluss). Solange Vertragsstrafen nicht eindeutig geregelt und keine schärfere Prüfung bei Abnahme der Produkte stattfindet, wird sich die Wirtschaft weiter auf dem Geld der öffentlichen Hand ausruhen.

Jeder sollte sich bewusst sein, dass für die verlängerte Wartezeit im Amt Steuergelder aufgewendet wurden. Die mürrische Dame auf der anderen Seite des Schreibtisches, die gerade zum dritten Male in Folge mit Zwei-Finger-Suchsystem die Straße in ein Formular eingibt, kann dafür nichts. Schreiben Sie Ihrem Senator für Inneres, Dr. Eckhardt Körting, seiner Referentin, Frau Silke Straubel oder seinem Pressesprecher, Herrn Martin Steltner!

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  • Martin 3. November 2005, 21:54

    Mir fällt nur eine Sache dazu ein: “Zauberwort “Service Level Agreements”.

    :-)