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Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen?

Helle Aufregung im Radio! Manche Menschen hören, aber sie hören nicht zu. Dann rufen sie beim Sender an und geben ihren Senf dazu. Was der Uwe-Karsten Heye über Ausländerfeindlichkeit gesagt hat, ist doch vollkommen richtig. Endlich mal einer, der ausspricht, was alle denken!

Was hatte der Vorsitzende des Vereins Gesicht Zeigen! denn nun eigentlich gesagt?

Es gibt kleine und mittlere Städte in Brandenburg und anderswo, wo ich keinem, der eine andere Hautfarbe hat, raten würde, hinzugehen. Er würde sie möglicherweise lebend nicht mehr verlassen.

Der Kommentator ließ kein gutes Haar an dieser Aussage. Einerseits, weil sie dem Manifest des Vereins, dem Heye vorsteht, widerspricht:

Es kann nicht angehen, dass sich in unserem Land Menschen nicht auf Straßen und Plätze trauen—aus Angst vor Gewalt.

Es darf nicht sein, dass in Deutschland Menschen um ihr Leben fürchten — nur weil sie anders sind.

Andererseits, weil mit einer Pauschalisierung des Problems nicht zu seiner Lösung beigetragen wird. Mit der New Yorker würden täglich auch Millionen Menschen fahren, obwohl sie als gefährliches Pflaster gilt.

Und damit hat er recht. Es ging nicht (wie viele Hörer hinterher meinten) darum, die rechtsextremen Angriffe auf Ausländer und Andersdenkende zu bagatellisieren. Sondern viel eher um die mangelnde Auseinandersetzung mit dem Thema durch eben solche Aussagen. Weil es Kapitulation vor den Rechten wäre. Aus wegsehen wird weggehen. Heyes Warnung hat in den “kleinen und mittleren Städten in Brandenburg” sicherlich für einigen Jubel gesorgt. Sie sind endgültig weg!

Ab wann soll eine Gegend Sperrzone sein? Wie groß soll der Umkreis um den eigentlichen Tatort gezogen werden? Ist ganz Deutschland gefährlich für Ausländer, wenn in jedem Bundesland mindestens ein Übergriff stattfindet? Sollten Ausländer aus Potsdam wegziehen nach den jüngsten Vorkommnissen? Niemand würde jemanden ernstnehmen, der vor dem Berliner öffentlichen Nahverkehr warnt, weil man erstochen werden oder einen durch die Scheibe fliegenden Stein abbekommen kann. Oder wenn jemand vor einer Autoreise nach Bayern warnen würde: Möglicherweise würde man das Bundesland nicht mehr lebend verlassen (2004 war die Zahl der Verkehrstoten mit über 1000 am höchsten).

Sperrzonen zu errichten bekämpft wieder einmal die Symptome, nicht die Ursache. Die politischen Probleme dieses Landes wird man anders lösen müssen. Wir brauchen Vereine wie “Gesicht Zeigen!”. Die Landespolitiker (allen voran Herr Schönbohm) müssen das Problem als solches endlich anerkennen. Wir brauchen Bekenntnisse gegen rechte Gewalt. Aussagen wie Heyes brauchen wir dagegen nicht.

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  • Henning 21. Mai 2006, 02:43

    Ich habe Heyes ganzes Zitat nicht mehr genau im Kopf. Von den beiden Sätzen oben würde ich nur den zweiten streichen, weil er reine Panikmache ist.

    Mit dem ersten hat er allerdings recht. Natürlich reicht es nicht, zu sagen, daß es No-Go-Areas gibt, sondern man sollte so handeln, daß sie verschwinden. Aber andererseits – warum sie verschweigen? Wie viele WM-Touristen werden wir denn in knapp drei Wochen haben? Und wenn sich dann abends zehn feiernde Angolaner in die Weitlingstraße verirren, wird mir Angst und bange. Allein im letzten Vierteljahr wurden hier ein paar plakateklebende Linke angegriffen, ein viernamesischer Blumenhändler und gestern erst ein kurdischstämmiges Mitglied des Abgeordnetenhauses. Mag sein, daß mir das eher auffällt, weil ich hier wohne – aber bevor es hier noch mehr Zwischenfälle gibt, sag ich den Leuten doch lieber – geht da lieber nicht hin. So isses, shame on us, aber Berlin hat sicherere Gegenden.

    Hirschgarten zum Beispiel.

  • André 21. Mai 2006, 18:05

    Oder Müggelheim.

  • Mary 22. Mai 2006, 14:01

    Hallo André,

    mit Kampagnen gegen Rechte ist es nicht mehr getan.

    Wir sollten uns einmal die Jahre von 1920 bis 1933 genau durchlesen. Die Parallelen sind erschreckend. Ich habe es gestern getan.

    Die Hauptursache liegt in der Vernachlässigung der breiten Masse. Je höher die Arbeitlosigkeit, desto besser kann braunes Gedankengut keimen. Die wahren Arbeitslosenzahlen liegen bei 10 Millionen.

    Man muss die mitbetroffenen Angehörigen hinzurechnen. Rund 25 % der Bevölkerung werden kontinuierlich beschimpft, diskriminiert, als Betrüger hingestellt. Viele werden in Armut gestürzt. Nur, damit einige wenige noch reicher werden.

    Ist es da ein Wunder, wenn Menschen, die verständnisvoll Hilfe anbieten, Zustimmung finden?

    Die ständige Schützenhilfe von den Regierungsbänken und den Medien – und zwar reichlich – bereitet fruchbaren Boden.

    Ich glaube gar nicht, dass man die Neonazis bekämpfen will. Das Notwendigste wird getan. Und nicht einmal das. Wenn ich da an Schäubles und Schönbohms Aussagen denke!

    Und nun auch noch die Bundeswehr im Innern. Angebliche Terrorgefahr. Damit wird hier alles begründet.

    ES gab es noch keinen Anschlag, aber schon werden Flugzeuge abgeschossen, Soldaten stehen an jeder Ecke. Die stehen bald aus einem ganz anderen Grund da. Man rechnet damit, dass die Bürger sich diese Politik nicht mehr lange gefallen lassen. Großdemos werden zur Gefahr erklärt, die Bundeswehr darf angreifen.

    Diese Regierung ist taub und blind – und sie wird es bleiben.

    Die werden ihr Vorhaben im Sinne der Unternehmen und der Aktionäre durchziehen, ganz gleich, wie viele auf der Strecke bleiben. Jedes Mittel ist recht.

    Es wimmelt doch nur so von Braunen auf den Regierungsbänken. Koch, Oettinger, Schäuble, Schönbohm, Beckstein, Stoiber, Glos, Seehofer, Steinbrück, Jung, Struck … Immer mehr lassen ihre Masken fallen!

  • Henning 23. Mai 2006, 20:32

    Eigentlich wollte ich mich über diesen Kommentar nur wundern, aber das kann man ja nicht so stehen lassen. Wer weiß, wer das noch so alles liest und diese Merkwürdigkeiten in seinen Meinungsbildungsprozeß einbezieht.

    Leute, die von Diskussionen über rechte Gewalt und ihr Anwachsen zur Weimarer Republik springen, sind entweder Panikmacher oder auf Stimmenfang. Es gibt sie einfach nicht. Über die tatsächliche Arbeitslosenquote weiß ich nichts, sie ist auch nicht entscheidend. Wichtig ist vielmehr, daß, wer heute arbeitslos wird, nicht automatisch Not leidet. Menschen ohne Arbeit leiden nicht automatisch Hunger. Das war Ende der 20er Jahre anders. Die Nationalsozialisten waren unter anderem so erfolgreich, weil sie versprachen, die Leute wieder in Lohn und Brot zu bringen. Heute ist dafür gesorgt, daß denen, die keinen Lohn haben, wenigstens das Brot bleibt.

    Insofern ist mit einem bundesweiten Erstarken der Rechten nicht zu rechnen. Problematisch wird es auf lokaler und regionaler Ebene. Wenn dann die NPD in irgendeinen Landtag einzieht, wird ein Imageschaden ausgerufen und darauf gewartet, daß die Rechten sich selbst entzaubern. Klappt ja auch meistens. Weil das Problem aber auf einige Regionen beschränkt ist, wird es auch am besten ebendort bekämpft – bspw. durch lokale Initiativen. Insofern war das Ansprechen der No-Go-Areas wiederum wichtig, weil so darauf hingewiesen wird, wo es hakt – nämlich nicht allgemein in Deutschland, sondern an konkreten Orten. Ich sage nicht: Es kann überall passieren; ich sage: Dort und dort und vielleicht sogar schräg gegenüber könnte es passieren.