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Berlin Hbf – Meilenstein der Infrastruktur?

In der Pressemitteilung vom Januar spricht die Bahn von Europas Bahnhof der Superlative. Was so verkehrt gar nicht ist. Nur eben anders als erwartet — eine Bahnhofs-Kritik

Berlin Hauptbahnhof ist ein architektonisches wie logistisches Highlight. [..]

Reisende, Pendler, Ein-, Aus- und Umsteiger erwartet auf fünf Ebenen ein funktional gestalteter Mikrokosmos aus effizienter Infrastruktur, erlebnisreichem Shopping und attraktivem Treffpunkt.

Ich bin der Meinung, dass öffentliche Gebäude wie Museen, Bahnhöfe oder Kaufhäuser vor allem funktional sein müssen. Vor allem heißt: Sie dürfen auch schick sein. Müssen es aber nicht. Mag sein, dass diese Sichtweise konservativ und langweilig klingt. Aber sie lohnt sich: Die Idee der Usability (deutsch: Gebrauchstauglichkeit) lässt sich nämlich nicht nur auf Software abbilden.

Wenn also Tests zur Praxistauglichkeit des Bahnhofs in der Presse mit Schick sieht er ja aus, aber… beginnen, ist bereits der falsche Ansatz gewählt. Andersherum wird ein Schuh draus: Der neue Berliner Hauptbahnhof ist als solcher ungeeignet. Warum? Weil die Bahnsteige des Fernverkehrs an den engsten Stellen etwa einen Meter und damit nur halb so breit sind wie die der S-Bahn, obwohl dort wesentlich mehr Reisende mit Gepäck unterwegs sind. Weil es nur eine Toilette für über eine halbe Million Besucher täglich gibt. Weil nirgendwo eine zentrale, große Anzeigetafel zu sehen ist. Weil Sitzplätze nicht nur unzureichend, sondern gar nicht vorhanden sind. Weil es keine Schließfächer gibt und die Gepäckaufgabe nur von 6 bis 22 Uhr geöffnet ist. Weil das Umsteigen über fünf Rolltreppen keine Alternative zum minutenlangen Warten auf einen Fahrstuhl darstellt. Kurzum: Jeder Reisende, der auf diesem Bahnhof ein-, aus- oder umsteigen muss, tut mir leid.

Die Bahn hat mit den Ankündigungen und der medienwirksamen Eröffnung den Bahnhofscharakter in den Hintergrund treten lassen. Allerdings so weit, dass selbst Besucher am Eröffnungstag gesagt haben, die Reisenden stören (Abendschau vom 28.05.2006). Ich glaube, dass auch die Planung so verlaufen ist.

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  • Martin 20. Juli 2006, 08:11

    Nur eine Frage: Wieviel von dem Wissen ueber die Gebrauchstauglichkeit des neuen Hauptbahnhofes stammt aus erster Hand?

    Ich meine Kritik an der Deutschen Bahn ist ja nichts ungewoehnliches bzw. fast alltaegliches.

  • André 20. Juli 2006, 08:50

    Sagen wir mal so: Ich war, hab mir alles angesehen und sowohl davor als auch danach genug drüber gelesen, um hier einiges klar stellen zu wollen. Das Wissen stammt also aus erster Hand. Das hatte ich eigentlich auch ausdrücken wollen.

    Und es geht mir hier nicht nur um alltägliche Kritik an der Bahn. Sondern um die Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Wer sich damit brüstet, den größten und modernsten Bahnhof Europas zu bauen, sollte die Reisenden im Auge behalten. Genau das hat die Bahn aber anscheinend nicht getan.

  • Martin 20. Juli 2006, 09:26

    Leider kann ich nicht mehr dazu sagen, weil ich noch nicht im Bahnhof war (mal abgesehen vom Durchfahren) aber so viel schlechtes habe ich nun auch nicht darueber gehoehrt. Wenn ich aber mal da war, werd ich mich nochmal melden. :-)

  • henning 23. Juli 2006, 18:17

    Aah ja, ein sehr schöner Artikel. Da lacht das Zweit-Generation-Bahnerherz.

    Als Vorbemerkung: Ich bin bereits als Reisender im neuen Hbf ein-, aus-, und umgestiegen und hatte keine Probleme. Obwohl bei mir erschwerend hinzukam, daß ich ein Fahrrad dabeihatte und von ganz oben nach ganz unten wollte. Und es war WM.

    Noch eine Vorbemerkung: Das könnte jetzt ein wenig länger werden…

    Die Bahn hat also den größten und modernsten Bahnhof Europas versprochen, und dieses Versprechen hat sie gehalten. Gut, meine Vergleichsmöglichkeiten sind begrenzt, aber in meinen Augen ist er sehr groß und sehr modern.

    Wie man aus der von dir zitierten Pressemitteilung entnehmen kann, soll der Hauptbahnhof ja aber mehr sein als ein funktionaler Bahnhof: Mikrokosmos, Treffpunkt, Mall, Sehenswürdigkeit. Der Anspruch geht also darüber hinaus, den Reisenden einen möglichst funktionalen Bahnhof bieten zu wollen.

    Was nicht heißt, daß man es nicht tun sollte. Ich bin auch konservativ und der Meinung, Bahnhöfe sind für (Bahn-) Reisende da, und es ist erstmal egal, wie sie aussehen.

    Aber trotzdem finde ich die Kritik überzogen. Du bemängelst zu schmale Bahnsteige, unzureichende sanitäre Bedingungen, eine fehlende Anzeigetafel, mangelnde Ruheplätze, eine ungenügende Gepäckaufbewahrung und ein komisches Rolltreppen/Fahrstuhlsystem.

    (Ich überleg grad, ob es opportun ist, auf alle Punkte einzugehen, oder ob ich dann endgültig als Bahnlobbyist verschrien bin…Also:)

    Bahnsteige: laufen häufig spitz zu, betrifft eh nur die Triebköpfe, und ist hier vermutlich auch der Brückenkonstruktion geschuldet (oben zumindest).

    Klo: Ich kann einfach nicht glauben, daß die Bahn da nicht vorher ne Studie durchgeführt hat, wieviele Klos man für wieviele Reisende braucht. Also kann man die Überlastung in den ersten Tagen/Wochen vielleicht auf Besucher und WM zurückführen.

    Anzeigetafel: Egal, wo ich meine Fahrkarte kaufe, am Schalter, am Automaten oder im Netz, ich bekomme einen Reiseplan, der mir sagt, wo ich abfahre. Außerdem gibt es diese lustigen Bildschirme. Aber ich stimme zu, eigentlich gehört in einen Bahnhof eine Anzeigetafel. Touché.

    Sitzplätze: Ich meine mich zu erinnern, daß auf den Tunnelbahnsteigen welche gewesen seien. Hingegen gilt auch hier: Ja, es stimmt, es sind viel zu wenige.

    Rolltreppen/Fahrstühle: Jaha, da kann ich als Umsteiger mit Fahrrad ja gleich aus dem Nähkästchen plaudern. Die Fahrstühle machen bei fünf Ebenen aus meiner Sicht eh keinen Sinn. Du wartest ewig. Was für einen gesetzestreuen Bürger mit Fahrrad die Treppe bedeutet. Und da sind die Zwischenebenen zum Verschnaufen ganz nett. Und für Bürger ohne Fahrrad gibt es wirklich ne Menge Rolltreppen. Da sollte man eher das Fünf-Ebenen-System hinterfragen. Drei hättens auch getan.

  • Alex 8. August 2006, 12:51

    Nun ja, also die große Anzeigetafel vermisse ich schon; die gehört einfach dazu. Da ich sehr sehr regelmäßiger Bahnfahrer bin (@henning: heißt das ich bin auch ein Lobbyist?), nutze ich den Bahnhof also öfter (obwohl ich inzwischen Papestraße … äh … Südkreuz bevorzuge, weil es einfach näher für mich ist). Mir ist der Bahnhof einfach ne Spur zu groß. Bei Bahnhöfen will ich in erster Linie verreisen, d.h. ich benötige Anschluss vom Eintreffen (S-Bahn, Bus, Taxi) zum richtigen Gleis. Und um das zu finden, die dazu notwendige Information. Die kleinen digitalen Anzeigetafeln sind für mich keine Alternative. Ich will wieder die gelben (Abfahrt) und weißen (Ankunft) großen Zettel haben, auf denen ALLE Züge mit allen Gleisen und Zeiten drauf stehen. Außerdem fand ich die Beschilderung, wo welches Gleis ist und welche Rolltreppe mich am schnellsten dahin führt, am Anfang etwas schwach. Nun weiß ich, dass meine Münchener/Nürnberger Züge alle auf Gleis 1/2 abfahren/ankommen und wie ich dahin gelange. Der Fahrstuhl ist neben dem Croissant-Laden; und mit den Rolltreppen solange runter bis es nicht mehr weiter runter geht :-)

    Fazit: nicht klassisch funktional wie von André gefordert und daher für selten Reisende eher verwirrend. Für Vielfahrer wie Henning und mich (und andere orientierungswillige *g*) aber auch machbar.

  • Robert 25. September 2006, 11:53

    Kann alle Kritikpunkte völlig nachvollziehen. Sehe ich genauso ..

    Man nehme den Bahnhof Leipzig, der da einfach viel viel schöner Konzipiert ist. Ist auch ein Kopfbahnhof, aber trotzdem.

    Das Ding ist unübersichtlich und an den engen oberen Fernbahnbahnsteigen bei überfüllung “GEFÄHRLICH”. An einem normalen Sonntag stappelten sich die Leute da gestern. Wie soll das Ding jemals dann noch 200% mehr Bahngäste vetragen.

    Ein weiterer Kritikpunkt:

    Einen Fahrkartenautomaten zu finden, ist ganz schön aufwendig. Und wenn man dann am Reisezentrum ist, sind da dicke Schlagen und eine total Enge.

    Ich war sehr enttäuscht.

    Gruß

    Robert