≡ Menu

Magazin-Kritik: iX kompakt zum Thema Softwarequalität

Titel

Unter dem Titel „Bessere Programme sind machbar“ hat Heise ein iX-Sonderheft zum Thema Softwarequalität herausgebracht. Das habe ich mir am Wochenende gekauft und durchgelesen.

Das Heft ist 138 Seiten stark und in vier Bereiche unterteilt:

  • Design & Usability
  • Spezifikation & Test
  • Wartung & Wiederverwendung
  • Standards & Normen

Das Editorial ist online verfügbar und ein guter Einstieg in die Thematik. Im Vergleich zu anderen Branchen gibt es ja qualitätsmäßig tatsächlich erheblichen Nachholbedarf — auch wenn die Tatsache, dass die Softwarebranche wesentlich jünger ist als die anderen und der Nachholbedarf damit inhärent groß ist, gern verschwiegen wird.

Einen eher unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt gleich am Anfang folgender Hinweis:

Basis für dieses Sonderheft, dass [sic!] sich exklusiv mit den verschiedenen Facetten von Softwarequalität beschäftigt, sind 15 neue Bücher aus dem dpunkt Verlag.

Mich als Leser stört es irgendwie, wenn jeder Artikel mehr oder weniger ein Buch zum Thema bewirbt, dessen Verkauf wieder dem Verlag zu gute kommt (Heise ist Mehrheitsgesellschafter vom dpunkt-Verlag). Zumal diese 15 Bücher stellenweise eine schlechte Grundlage sind, aber dazu später mehr.

Zu dreien der vier Abschnitte im Einzelnen:

Design & Usability

Die Benutzbarkeit wird als wichtiger Bestandteil der Qualität und als solcher entsprechend weit vorn im Heft präsentiert. Den Hinweis, dass hierfür ein Gesamtkonzept nötig ist und das nachgelagerte Herumbasteln an Oberflächen nicht ausreicht, kann man gar nicht oft genug wiederholen. Das muss man sich als Techniker immer wieder vor Augen führen.

Darunter sind leider viele sperrige wie „kontextuelle Aufgabenanalyse“ Begriffe gemischt, die das Thema unnötig verstaubt erscheinen lassen.

Veränderungen, die das Web 2.0 erst möglich gemacht und an vielen Stellen für Verbesserung gesorgt haben, werden teils sehr kritisch betrachtet. Dafür werden andere vergessen. Zum Beispiel findet A/B-Testing, das verschiedene Oberflächen anhand von konkreten Nutzerzielen vergleicht und so zur Verbesserung der Softwarequalität beitragen kann, leider keine Erwähnung.

Barrierefreiheit und deren Standards bilden einen weiteren Schwerpunkt, auf den ich nicht weiter eingehe.

Spezifikation und Test

Dieser Abschnitt enttäuscht über weite Strecken. Das ausführliche Eingehen auf das V-Modell legt den (Trug-)Schluss nahe, dass agile Methoden wie Scrum ein Nischendasein fristen und ihr praktischer Nutzen erst noch bewiesen werden muss. Dabei können gerade agile Prozesse die Qualität der ausgelieferten Software enorm verbessern.

Stattdessen wird versucht dem Leser einzureden, schwerfällige Prozesse wie das V-Modell lassen sich um agile Ansätze erweitern. Mir kommt diese Idee einfach lächerlich vor, weil die Ansätze so grundverschieden sind.

Die ganze Abhandlung über 30 Jahre alte Prozessmodelle gipfelt dann in einem Diagramm, in dem ein „Mainframe“ abgebildet und auch so bezeichnet ist. Das passende Buch zum Artikel ist 2010 im dpunkt-Verlag erschienen.

Ebenso wenig hilfreich sind solche Thesen:

Die Risiken durch fehlerhafte Software nehmen zu. Ursachen dafür sind die Verbreitung von Software in fast allen Bereichen unseres alltäglichen Lebens — vom Mobiltelefon über das Auto bis hin zu Atomkraftwerken — sowie die zunehmende Komplexität der Softwaresysteme.

Natürlich nehmen die Risiken zu, aber die Qualitätsprobleme sind ja gerade nicht in solch stark regulierten Bereichen wie Medizin- und Raumfahrttechnik, sondern bei Standardsoftware. Solche Undifferenziertheit kann nach hinten losgehen und die Fortschritte bei der Sensibilisierung für Tests zunichte machen — „Wir betreiben ja schließlich kein Atomkraftwerk!“

Auch die Trennung von Entwicklung und Tests halte ich, zumindest in kleinen Teams, für unklug. Denn damit sind Tests zwangsläufig nachgelagert und erfordern mehr Kommunikation im Projekt. Außerdem fördern sie das Abschieben von Verantwortlichkeiten.

Auch der Artikel zu modellbasiertem Testen (MBT) konnte nicht dazu beitragen, dass ich diesen Prozess mit weniger Skepsis sehe. MBT wirkt in meinen Augen eher akademisch, der praktische Nutzen erschließt sich mir noch nicht. Abgesehen davon stellt der Artikel eine Zusammenarbeit mit agilen Vorgehen in Frage — ein Zweifel, den ich auch selbst habe.

Schönstes Wort: „Phaseneingangsdokument“

Wartung & Wiederverwendung

Zum Thema Software-Wartung gibt es hier auch schon Artikel. Die iX-Artikel dazu sind solide und wie bei diesem Magazin üblich ein guter Einstieg. Einige „Tipps“ wie der Einsatz von Subversion muten 6 Jahre nach der Vorstellung gleich dreier Softwareprojekte zur dezentralen Versionsverwaltung etwas merkwürdig an. (Warum Subversion einfach nicht mehr zeitgemäß ist, hat Joel Spolsky in seinem Tutorial Hg Init auf wunderbare Weise erklärt.)

Die Klassifikation von verschiedenen Aspekten der Wartung in perfektionierend, korrektiv, präventiv und adaptiv war für mich neu. Das ist durchaus hilfreich, wenn man über Softwarewartung spricht.

Fazit

Insgesamt hinterlässt die iX Kompakt „Bessere Programme sind machbar“ einen gemischten Eindruck. Das Sonderheft besticht durch das Spektrum der angeschnittenen Themen. Der Teufel steckt aber leider im Detail.

Weiteres Potenzial sehe ich vor allem im Bereich der Prozessmodelle. Der Produktivitätsvorsprung durch den Einsatz agiler Prozesse ist enorm, was sich auch positiv auf die ausgelieferten Produkte auswirken dürfte. Warum stattdessen über Seiten hinweg das V-Modell behandelt wird, das auch seinen Beitrag zur heutigen Situation der Softwarequalität beigetragen hat, ist mir ein Rätsel.

Code Reviews, die ich persönlich schätze, werden nur in einem Halbsatz erwähnt. Und der Einsatz von freier Software und ihr Beitrag zur Produktqualität wird nicht mal im Ansatz untersucht.

Was meint ihr dazu? Habt ihr das Heft gelesen? Wie war euer Eindruck?

Comments on this entry are closed.

  • patrick 7. April 2011, 09:43

    Das war bei anderen Heften von iX nicht anders. iX Sonderheft IT-Management besteht auch nur aus aufbereiteten Ausschnitten der darin beworbenen Bücher. Daher viel zu oberflächlich und man wird den Eindruck nicht los, der Lese solle zum Kauf der (nicht) beworbenen Bücher bewegt werden. Schade eigentlich.

  • André 7. April 2011, 22:33

    Oh, dann scheint das ja Methode zu haben bei Heise… Das bestätigt jedenfalls mein Bild von der iX. Ich hatte gehofft, dass die Redaktion bei einem Sonderheft etwas gründlicher ist.

  • Christian 8. April 2011, 21:14

    Das c´t Heft zum IT-Projektmanagement habe ich vor ca. 1 Jahr gelesen. Alle Artikel waren hier auch jeweils ein Ausschnitt aus einem dpunkt Buch. Grundsätzlich finde ich diese Cross-Promotion auch nicht gelungen. Inhaltlich war es mir für meine Anforderungen ok.

  • André 13. April 2011, 21:51

    Gut zu wissen, dass ich nicht der einzige bin, der sich an der Cross-Promotion stört. Ist auch durchaus möglich, dass ich nicht die Zielgruppe bin.

    Passend zum Thema finde ich heute noch folgende Mail im Posteingang: „iX bietet IT-Informationen auf Augenhöhe. Die renommierten Spezialisten in unserem Redaktionsteam liefern Ihnen alle vier Wochen neutrales und entscheidendes Hintergrundwissen über die wichtigen Trends, erfolgversprechende Entwicklungen sowie neue Produkte – eben genau das Wichtige.“